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WATERKANT ACADEMY BLOG

Ute Preiss Ute Preiss

Warum die Kindheit politisch ist

Die aktuellen politischen Entwicklungen (weltweit und in Deutschland) sind sehr beunruhigend. Gerade im pädagogischen Bereich haben wir eine große Verantwortung, Kindern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie zu selbständigen, mündigen Bürgern heranwachsen können und sich nicht von rechten, menschenverachtenden Haltungen "einfangen" lassen.  

Kinder brauchen in diesen Zeiten besonders Erwachsene, die eine Vision für ein menschenwürdiges, demokratisches Zusammenleben haben und wissen, wie sie das in der Kitapraxis leben können - auch und besonders in vielerlei Hinsicht schwierigen Zeiten. Die Werkstattpädagogik ist ein Handlungskonzept für Kitas, deren Ziel die Demokratiebildung in Kitas ist.

Der renommierte Kinderarzt und Evolutionsbiologe Dr. Herbert Renz-Polster beschreibt in seinem Artikel Ursachen des Rechtsruck in unserer Gesellschaft. Sein Artikel gibt viele Hinweise darauf, was wir aktuell mit unserem pädagogischen Handeln tun können, um Kitas zu Orten zu machen, an denen Kinder Demokratie erfahren und lernen können.

Artikel von Herbert Renz-Polster
Quelle: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/warum-die-kindheit-politisch-ist/

Das derzeit heißeste politische Thema: der zunehmende Erfolg von „rechtspopulistischen“ Parteien in Europa. Deren Markenkern ist neben dem Populismus (der findet sich auch bei anderen Parteien) das dort ausgestellte autoritäre Denken – also der so genannte Autoritarismus. Was ist damit gemeint, und woher kommen diese Haltungen?

Unter Autoritarismus wird die Neigung von Menschen beschrieben, sich in eine Hierarchie von Führenden und Geführten einzugliedern, und gleichzeitig diejenigen abzuwerten, die nicht zur eigenen Gruppe gehören – andere Ethnien etwa oder Angehörige anderer Religionen. Gleichzeitig wird Halt in einer festen Ordnung aus Konventionen und Regeln gesucht und die eigene moralische Überlegenheit herausgestellt. Ein solches Denken findet sich nicht nur in der politischen Arena (und dort sowohl auf der rechten wie auch auf der linken Seite), sondern auch in religiösen Gruppen und Sekten aller Art.

Das “Missing Link”

Als Erklärung für autoritäres Denken werden oft äußere Umstände angeführt. Etwa, dass Menschen wirtschaftlich in Not geraten, sozial absteigen, oder sich durch den raschen gesellschaftlichen Wandel fremd in der modernen Welt fühlen.

Dass diese Erklärungen nicht ausreichen, zeigen schon die Parteienvergleiche: die AfD ist nicht weniger eine Mittelschichtspartei ist wie etwa die SPD oder auch die CDU. Auch unterscheiden sich die AfD-Anhänger weder im Bildungsniveau noch im Bezug von Transferleistungen von der Durchschnittsbevölkerung. Offenbar bleiben die rechten Ideen bei nach außen identischen Rahmenbedingungen bei manchen Menschen haften. Bei anderen dagegen nicht.

Identität statt Realität

Auch die politische Programmatik spricht gegen eine rein „äußere“ Bedingtheit für autoritäre Haltungen. In ihrem Kern dreht sich die Agenda nämlich nicht um die Behebung real erlebter oder zu erwartender Missstände – etwa der Klimakatastrophe, dem Wohnraumproblem oder der immer krasseren sozialen Ungleichheit. Vielmehr geht es überraschend häufig um Kopftücher, den Islam, das “Abendland”, die Flüchtlinge, die „Lügenpresse“, die angeblich woken Grünen, um Frühsexualisierung, Geschlechtsidentität oder die Bedrohung durch Kriminalität oder auch Wölfe. Der Klimawandel wird als „natürliches Phänomen“ akzeptiert, abgeschafft werden sollen die Gendersternchen. Kurz: Es geht um Identität statt Realität.

Sehnsucht nach Stärke, Sehnsucht nach Heimat

Und da sind noch mehr offene Fragen: Woher kommt der absolute Markenkern aller autoritären Parteien, nämlich die Sehnuscht nach mächtigen, starken Männern? Wie zentral dieser Hang zur autoritären Unterwerfung ist, zeigt sich etwa im Putin- oder auch Trump-Kult auf der stramm rechten Seite.

Und warum fühlen sich vor allem Männer von der rechten Programmatik angesprochen?

Und warum grassiert Fremdenfeindlichkeit ausgerechnet dort am meisten, wo es am wenigsten Ausländer gibt?

Und warum ist die Meinung, Spielball von Mächtigeren zu sein, also das eigene Leben nicht selbst bestimmen zu können , ausgerechnet bei den rechtspopulistisch Gesonnenen am weitaus stärksten ausgeprägt? Und woher die viel stärker ausgeprägte, vom eigenen Status und Einkommen unabhängige Unzufriedenheit mit dem eigenen Dasein ? Woher das intensive Misstrauen ?

Und vor allem: Warum sind bei den Rechtspopulisten gerade in den Führungsrängen so oft Menschen anzutreffen, die man beim besten Willen nicht anders als „schwer beschädigt“ bezeichnen kann – von Hitler bis Trump. Menschen, die all das vereinen, was die meisten Eltern ihren Kindern niemals wünschen würden: Rücksichtslosigkeit, Hass, fehlende Empathie, ungezügelte Aggressivität, fehlende Kompromissbereitschaft, Verachtung für Schwächere und geringe soziale Kompetenz? Wie kann es sein, dass sich erwachsene Menschen solchen offenkundigen Blindgängern an die Brust werfen?

Die Kindheit ist politisch

Wo bildet sich dieses Muster, das nach Auskunft der Sozialpsychologen so deutlich von Angst, Misstrauen, Unsicherheit und auch geringeren Empathiewerten unterlegt ist? Woran lesen Menschen ab, ob sie sich vor der Welt fürchten müssen oder ob sie vertrauen können? Wo erfahren wir, ob Wohlwollen und Kooperation geeignete “Lebensinstrumente” sind – oder ob wir besser auf Konkurrenz, Strenge und Ausgrenzung setzen?

Diese Muster, hier sind wir bei einer zentralen Grundannahme der Entwicklungspsychologie, bilden sich dort, wo wir zum ersten Mal die Ordnung der Welt kennenlernen – in der Kindheit. Hier werden wir zum ersten Mal “regiert” – und lesen daran ab, wie die uns Überlegenen mit Macht und Herrschaft umgehen. Ja, hier erleben wir überhaupt, worauf sich Beziehungen gründen: ob auf Vertrauen und Kooperation – oder auf Überlegenheit und Stärke. Und auch das erfahren wir in dieser Zeit: Ob die Welt ein Kampfplatz ist, oder eine Heimat. Ob sie trägt oder ob wir jederzeit verstoßen werden können. Ob wir eine Stimme haben oder “hörig” sein müssen und uns deshalb besser einem „Führer“ unterwerfen.

Tatsächlich verhandeln wir in der Kindheit ja genau die Themen, um die sich die autoritäre Agenda mit ihrem „great again“ oder „take back control“ in ihrem Kern dreht: Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Um diese Themen dreht sich das Rad der Kindheit und das ganz banale Miteinander in der Familie und die Kinderwelten: Bin ich okay? Schützen die Großen mich, wenn ich in Not bin? Oder lassen die mich allein? Kann ich mitgestalten oder muss ich immer tun, was andere mir vorgeben? Bin ich immer klein und den Mächtigeren ausgeliefert, oder erlebe ich Wert und „Größe“? Bin ich der Welt gewachsen, oder bin ich beständig überfordert und gestresst? An den Antworten, die Kinder auf diese Fragen bekommen, eicht sich der Kompass, mit dem sie die Welt gestalten werden. Zeigt er auf Vertrauen? Oder auf: Vorsicht, pass auf!? Sehe ich die Welt als gebenden Ort – oder als Kampfplatz? Kurz: Trage ich in mir das Grundgefühl einer “Heimat” – oder fühle ich mich heimatlos?

Autoritäre Erziehung – autoritäre Politik

In meinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ sichte ich das dazu verfügbare empirische Material. Hier will ich nur zwei Zusammenhänge anführen: Wirft man ein grobes Raster über die Erde und lässt darauf die Dikaturen und Oligarchien aufleuchten, dann decken sich diese politischen Hotspots ziemlich genau mit einer anderen Landkarte – nämlich der von der UN und anderen Organisationen erstellten Landkarte widriger Kindheiten: Wo Kinder schlecht behandelt werden, hat der politische Autoritarismus leichtes Spiel. Eine noch eindrücklichere Landkarte liefern die USA: Ordnet man die Zustimmungsraten der Bürger zur körperlichen Züchtigung von Kindern in eine Rangfolge, so sind die 22 höchstplatzierten Bundesstaaten allsamt republikanisches Kernland: Strenge Vorstellungen von Erziehung münden in strenge Vorstellungen von Politik.

Und damit bin ich bei der Grundthese meiner Arbeit zum Rechtspopulismus: Menschen, die in ihrer Kindheit gute Antworten auf ihre Entwicklungsfragen bekommen sind vor den Verlockungen des autoritären Denkens geschützt. Diejenigen, denen gute Antworten hartnäckig verweigert werden, werden dadurch auf eine lebenslange Suche nach Ersatz geschickt: Die Sicherung, die sie innerlich nicht erfahren haben, suchen sie dann im Äußeren: make me great again! Sie sind verletzlich. Auch gegenüber den Verheißungen des Rechtspopulismus. Die fehlende Sicherung in der Kindheit, das ist das fehlende Glied, den es für den Rechtsruck braucht.

 

Dieser Artikel ist in etwas kürzerer Fassung auch bei Kinderschutz. Das Magazin, 2/24  erschienen.

Eine längere und mit Literaturhinweisen versehene Version dieses Artikels findest Du hier.

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Gastvortrag für die "Stiftung Kinder Forschen" zum Thema ästhetische Bildung in Kindertageseinrichtungen

Ästhetische Bildung ermöglicht Kindern, die Welt durch konkretes Tun zu begreifen und sie gleichzeitig zu gestalten. Sie ist zudem Ausgangspunkt für das entdeckende und forschende Lernen. Aber was meint ästhetische Bildung eigentlich? Diese Frage und die Verbindung zwischen MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung und ästhetischer Bildung thematisiert Christel van Dieken in diesem Vortrag.

Der Vortrag ist ein Auszug aus einem Webinar der Stiftung Kinder Forschen vom 14.02.2024.

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Schattenspielwerkstatt: Werkstattpädagogik praktisch

Sie haben sicherlich auch schon einmal ein kleines Kind beobachtet, das einen Schatten von einem Gegenstand oder sich selbst festhalten wollte? Dann haben Sie einen wichtigen Entwicklungsschritt beobachtet. Welchen, das erzählen wir Ihnen im Video. Aber warum ist das Thema Licht und Schatten für fast alle Kinder und Erwachsene eigentlich so spannend und interessant?

Es geht dabei um ein Lebensthema: Licht und Schatten begleiten uns immer, die Erfahrung von Helligkeit und Dunkelheit in all ihren – wie passend – Schattierungen. „Wo Licht ist, ist auch Schatten“ sagt ein Sprichwort. „Über seinen Schatten springen“: Es ist also zunächst mal ein philosophisches Thema, bei dem es um Fragen von „Gut und Böse“ gehen kann, um die Frage, was diese Sprichworte bedeuten könnten. Und wenn Sie mit Kindern darüber nachdenken: Machen sie sich doch auf die Suche nach weiteren Sprichworten, die etwas über das Thema „Licht und Schatten“ aussagen. Oder sammeln Sie Schattenwörter mit den Kindern… Welche fallen Ihnen ein?

Zum Thema Sprachbildung animiert das Spiel mit Licht und Schatten besonders. Weil das Phänomen geheimnisvoll und manchmal rätselhaft erscheint, kann es anregen, sich Geschichten auszudenken. Über die Herkunft eines Schattens, welche Gefühle Schatten auslösen und beim Philosophieren und erzählen über Licht und Schatten entsteht sicherlich auch die Fragen: Was ist denn eigentlich ein Schatten? Woher kommt er? Woraus besteht er? Wie ist er gemacht?

Dann wären wir bei der naturwissenschaftlichen Seite der Erkundung des Themas „Licht und Schatten“. Im unten verlinkten Video zeigen wir Ihnen am Beispiel einer Schattenspielwerkstatt, wie Sie Kinder anregen können, sich mit den vielfältigen Phänomenen von Licht und Schatten auseinanderzusetzen. Gibt es eigentlich auch farbige Schatten? Um all das herauszufinden und mit dem Thema zu experimentieren ist ein Raum sinnvoll, der eingerichtet ist, wie eine Werkstatt. D.h. es gibt dort, räumlich gegliedert vom Rest des Raumes „lecker präsentierte“ Materialien, die die Kinder zum selber Tun auffordern.

Und wussten Sie eigentlich, dass man mit Licht zeichnen kann? Lassen Sie sich faszinieren von Materialien, mit denen das möglich ist. In einem Rundgang mit einem Gast durch eine inszenierte Schattenspielwerkstatt können Sie ein Bild einer Werkstatt zu dem Thema entwickeln und vielfältige Ideen sammeln, wie sie selbst mit Ihren Kindern eine aufbauen können.

Sie können dabei einen fiktiven Spaziergang durch einen Dschungel und das Happy End einer Liebesgeschichte erleben. Was das mit dem Thema Licht und Schatten zu tun hat? Schauen Sie rein in unser Video – und zur Ergänzung gibt es eine Literaturliste:

PDF
LITERATURLISTE ZUM THEMA LICHT UND SCHATTEN

Und wenn Sie dann immer noch mehr wollen zum Thema: Schauen Sie doch rein in unser weiteres Youtube Video: Spiel mit Licht und Schatten in der Kita - Viele Ideen!

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Vergesst die Kitas nicht! Digitalisierung in Kindergärten

Kitas werden in der Debatte um die Digitalisierung oft vergessen. Woran fast nie jemand denkt: Die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher. Natürlich muss auch sie modernisiert werden. Nur wie soll das gehen, wenn dafür nicht genügend Aufmerksamkeit und Gelder vorhanden sind?

Die Diskussion um die dringende Notwendigkeit der Digitalisierung von Bildung nimmt in der aktuellen öffentlichen Debatte um die pandemiebedingte Situation und um Fragen der Gestaltung naher und ferner Zukunft von Bildung einen großen Raum ein. Hoffnung auf Berücksichtigung der Kitas als anerkannte Orte frühkindlicher Bildung in dieser Debatte?

In Kitas finden grundlegende Bildungs- und Entwicklungsprozesse statt, die die Grundlage für jede weitere kindliche Entwicklung sind. Hier wächst die Zukunft unseres Landes heran und deshalb brauchen wir dort bestens ausgebildete Pädagog*innen mit Herz,. Und bestens ausgebildet bedeutet auch, digitale Kompetenzen zu entwickeln um die Zukunft der Bildung mitgestalten zu können. Na dann, dann sind natürlich die Kitas mitgedacht in der Digitalisierungsdebatte, oder? Muss doch so sein, oder?

Machen wir uns auf die Suche: Es gibt einen Digitalpakt, mit dem der Bund und die Länder die Leistungsfähigkeit der digitalen Bildungsinfrastruktur an Schulen stärken und so die Grundlagen zum Erwerb von digitalen Kompetenzen an Schulen nachhaltig verbessern. Insgesamt werden im Rahmen des DigitalPakts Schule im Zeitraum 2019 bis 2024 Finanzhilfen in Höhe von fünf Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Abgesehen davon, dass hier unter Digitalisierung zunächst mal die rein technische Ausstattung von Schulen und nicht die Nutzung digitaler Bildungsangebote für die Verbesserung und Erweiterung bisheriger schulischer Lernformate gedacht ist -in diesem Pakt ist nicht von Kitas die Rede. Leider nein! Überhaupt nicht-mit keinem Wort.

Na ja, kennen wir ja schon - hier zeigt sich mal wieder, das zwischen dem, was auf dem Papier steht und der realen Wertschätzung und Anerkennung der Kitas als Bildungsorte eine riesengroße Lücke klafft. Kitas werden nicht nur wenig berücksichtigt, sie werden in diesem Zusammenhang gar nicht genannt. Nichtnennung, Nichtbeachtung ist das Gegenteil von Würdigung und Wertschätzung. Wenn von Digitalisierung in Kitas gesprochen wird, ist meistens die Nutzung von Medien durch die Kinder gemeint: der Einsatz von Tabletts zum Geschichten hören, malen usw. Das kann ein Teil digitalisierter Bildung sein, ich rede hier aber von der Erschließung neuer Kommunikationswege und der Nutzung digitaler Weiterbildungsangebote von Kitapädagogen Davon, dass ich dadurch das Selbst-Lernen und das Lernen in Teams radikal verändern kann (wie und wieso davon soll an anderer Stelle noch die Rede sein).

Also suchen wir in diesem Sinne weiter. Volltreffer: es gibt jetzt den im Sept. 2020 von der Bildungsministerin Franziska Giffey einberufenen Corona-Kita-Rat. In dem wird es doch sicher auch um dieses Thema gehen. Denn Corona hat uns wie ein Brennglas gezeigt, wie sehr eine mediale Ausstattung verbunden mit medialen Kompetenzen, die aktuelle Situation in den Kitas unterstützt, unterstützen könnte. Sind hier Ausstattung und know how vorhanden, wird die Kommunikation mit den Eltern und die Kommunikation im Team erleichtert und gefördert, und die Nutzung von Onlinefortbildung kann die Zeiten von homeoffice zu sinnvoll genutzter Arbeitszeit machen. Aber im Corona-Kita-Rat geht es aktuell zunächst einmal darum, dass die Pädagog*innen in den Kitas in die Gruppe 3 der Dringlichkeit der gegen Corona zu Impfenden aufgenommen wird. Total wichtig für alle Beteiligten - aber auch hier das Thema “Digitalpakt Kita”nicht im Fokus.

Ich suche weiter bei Google: “Digitalpakt Kita”? Ja, es gibt ihn: einen Artikel zum Thema: Das renommierte DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) hat einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel: Ein Digitalpakt für Kitas ist überfällig. Am 19.12.2020 erschien er in der FAZ. Lest ihn durch, setzt euch mit den dort benannten Themen auseinander. Wir dürfen die Kitas bei der Digitalisierung nicht vergessen! Und welche Positionen vertreten die Kitas selbst, die Kitaträger in dieser Republik, die Pädagog*innen? Setzen sie sich ein für ihre Sichtbarkeit in dieser Debatte und dafür, dass ein Teil der 5 Milliarden auch den Kitas zugute kommt?

Zögerlich, an manchen Orten auch mutig und experimentierfreudig haben sich im letzen Jahr viele Kitapädagog*innen auf den Weg gemacht, sich mit digitalen Fortbildungsangeboten auseinanderzusetzen. Träger machen sich digital auf den Weg der Organisationsentwicklung mit der Werkstattpädagogik. Es wurden digitale Kommunikationsstrukturen mit Eltern und in den Teams aufgebaut und erprobt, die sich zeitweise gar nicht mehr real an einem Ort zusammenfinden durften.

Und das alles unter größtmöglicher Nichtbeachtung in der öffentlichen Diskussion um die Erfordernisse der Digitalisierung von Bildung s.o. Digitale Kommunikation und Bildung 2021 in Kitas sieht oftmals real so aus (da gibt es dann durchaus Ähnlichkeiten mit den Schulen): Träger die warten, ob das Ganz nicht doch noch an ihnen vorbeigeht, denn schließlich gehts in Kitas ja um Beziehungsgestaltung - und die geht ja nicht digital?! Schlechtes bis gar kein W-lan, Datenschutzbestimmungen, die es über ein Jahr verhindern, das interessierte und bereitwillige Kollegen keine Konferenztools nutzen dürfen sondern sich zu zweit über das gute alte Telefon verständigen müssen.

Konferenzschaltungen - wie gehen die? Es wird viel mitgeteilt und weitergegeben, was nicht genutzt werden darf- wenig, was denn alternativ möglich wäre. Und so sitzen KollegInnen zu viert vor einem laptop in webinaren, bei denen immer wieder die Verbindung abbricht und man sich nicht verstehen kann. Persönliche handys und laptops müssen mangels fehlender Ausstattung in den Kitas genutzt werden usw…. oder man darf eben erst einmal (wie lange dauert “erst einmal”?) nichts digital machen. Das Prinzip “Hoffnung” bestimmt die Haltung mancher Kitapädagog*innen. Sie ducken sich noch weg, warten und hoffen auf die Zeit nach Corona, wenn der Spuk der Digitalisierung hoffentlich vorbei sein wird und wir uns endlich wieder “in echt” treffen können. Ja, darauf freue ich mich auch.

Aber ich freue mich auch darauf, dass die Erfahrungen, die wir jetzt in absolut von außen beschleunigter Form im letzten Jahr und auch in diesem Jahr und hoffentlich auch in den kommenden mit der Nutzung digitaler Bildungsangebote machen konnten, weiterleben werden, weiterentwickelt werden. Dass digitale Kompetenzen kreativ und lustvoll erprobt werden, als wunderbare Ergänzung und Erweiterung der bisherigen Lern- und Kommunikationswege und als eine Möglichkeit, aktiv die Zukunft der Bildung unserer Kinder mitzugestalten und dass wir das nicht Anderen überlassen.

Und nun gibt es was Aktuelles zum Thema: Neue Entwicklungen? Hoffnung auf einen Digitalpakt Kita?

Bei Twitter lese ich: „ Die Bundesregierung will der digitalen Bildung in Deutschland eine kräftigen Schub verleihen. Deshalb haben Kanzlerin Merkel und Ministerin Anja Karliczek die „Initiative Digitale Bildung“ ins Leben gerufen. Im Podcast erklärt die Kanzlerin, was dahintersteckt“.

https://twitter.com/regsprecher/status/1363050889448161280?s=21

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Wie strukturiert muss ein Kita-Raum sein? Diskussion zu Raumkonzepten mit Studierenden der Ev. Hochschule Bochum Studiengang Elementarpädagogik

Ich habe mich kritischen Fragen von Studierenden gestellt. Sie habe in meinem Konzept das “Ziel der Didaktisierung von Räumen” wahrgenommen und hatten Anmerkungen zu meinen Aussagen zur gendergerechten Ausstattung von Räumen. Wieviel Struktur braucht ein Kita-Raum überhaupt?

Im Dezember 2020 Woche habe ich eine interessante Diskussion mit Studierenden des Studienganges Elementarpädagogik und ihrer Prof. Dr. Skladny über meinen Vortrag zum Thema Raumkonzepte geführt. Ich habe ihn vor 4 Jahren auf der Leipziger Buchmesse gehalten und er ist auf meinem Youtube-Channel zu hören. Es gab kritische Fragen zum von einigen Studierenden wahrgenommenen “Ziel der Didaktisierung von Räumen” in meinem Konzept und zu meinen Aussagen zur gendergerechten Ausstattung von Räumen.

Zusammengefasst ging es um die Frage: wieviel Struktur, wieviel Vorgabe von Erwachsenen und wieviel Unstrukturiertheit und Offenheit braucht es? Im Gegenpol zu dem, was ich im Vortrag vertrete, plädierten einige Studierende für eher offene Materialangebote und weniger (von Erwachsenen) definierte Orte, vor allem im Rollenspielbereich. Ich plädiere da ja weiterhin für das “UND”, d.h. für Beides. Und die Kinder sollten vor allem Orte definieren. Ich hatte die Gelegenheit, mein Konzept der Offenen Werkstattpädagogik zu verdeutlichen, und zu erläutern, welches Raumkonzept das erfordert.

Resümée der Diskussion ist für mich: wir brauchen viel mehr davon: Streiten um eigene Position und Ziele und Neues kennenlernen und einfließen lassen. Das bereichert alle.

Besonders spannend für mich war das Kennenlernen des pädagogischen Konzeptes der junkyard-education nach Malka Haas aus Kibbuzzen in Israel. Damit werde ich mich auf jeden Fall intensiver befassen, weil ich finde es passt wunderbar zum Konzept der offenen Werkstattpädagogik. Schaut es euch mal an. Lohnt sich sehr!

Dazu gibt es einen Artikel von Prof. Dr. Andreas brenne von der Universität Osnabrück mit dem Thema: Zur ästhetischen Dimension fachlichen Lernens.

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Ein Kita-Neubau entsteht - wie Kita-Onlinekurse dem Ort Grafenrheinfeld dabei helfen

Kennen Sie Grafenrheinfeld? Wahrscheinlich als waschechte Norddeutsche eher nicht. Bis vor kurzem war auch mir dieser Ort nicht bekannt. Und jetzt das:

Kennen Sie Grafenrheinfeld? Wahrscheinlich als waschechte Norddeutsche eher nicht. Bis vor kurzem war auch mir dieser Ort nicht bekannt. Und jetzt das:

Im Oktober 20 gab es eine Videokonferenz mit dem Architektenbüro hjp Architekten Prof. Jürgen Hauck, die die neue Kita in Grafenrheinfeld bauen werden. Liegt zwischen Würzburg und München die Gemeinde. Und inzwischen hat der Bürgermeister alle meine Youtube-Videos beim Joggen als Podcast gehört - sagt er. Und im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass er sich wirklich damit auseinandergesetzt hat. Das finde ich besonders. Denn viele Bürgermeister würden sich nicht um die pädagogische Konzeption ihrer zukünftigen Kita kümmern, sondern wären zufrieden, wenn sie ein modernes, schönes Haus zeigen können. Nein, diesem Bürgermeister ist es wichtig, wie Kinder in der Kita seiner Gemeinde aufwachsen. Und er ist jetzt wild entschlossen, dass die neu zu bauende Kita in seiner Gemeinde eine Werkstattkita werden soll.

Im virtuellen Treffen mit der Waterkant Academy gab es einen Austausch mit Kitaleitungen, Architekten, Vertretern des Elternbeirates und dem Bürgermeister über Theorie und mögliche Praxis der Werkstattpädagogik. Jetzt haben die Teams der beiden Kitas, die zu einer großen zusammenwachsen müssen, begonnen sich auf den Weg zu machen. Zur Zeit, und schon lange, und eigentlich schon immer arbeiten beide Kitas in festen Gruppen.

Das Team hat nun mit Blick auf ihre Zukunft begonnen, eine Vorstellung zu entwickeln, wie sie das zukünftige pädagogische Konzept der Werkstattpädagogik in ihrer Kita umsetzen möchten. Als Unterstützung arbeiten sie mit den Onlinekursen der Waterkant Academy, und mit einer Fachberaterin und sie möchten sich natürlich auch Kitas real ansehen – wenn die Corona-Situation es wieder zulässt.

Ich bin gespannt auf den Prozess und werde euch immer mal wieder berichten.

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Kindheit im Kasten - warum es hilft, sich an eigene Kindheit zu erinnern

13 Kitas des Ev. luth. Kirchenkreises Hamburg Ost machen sich seit Sommer 2020 mit Unterstützung der Waterkant Academy auf den Weg, Werkstattkitas zu werden. 13 Kitas? Online? Wie kann das gehen? Und warum hilft es, sich an sich selbst als Kind zu erinnern?

13 Kitas des Ev. luth. Kirchenkreises Hamburg Ost machen sich seit Sommer 2020 mit Unterstützung der Waterkant Academy auf den Weg, Werkstattkitas zu werden.

In der letzten Woche sind die Kitaleitungen und Fachberaterinnen gemeinsam gestartet: online - denn aufgrund der Corona-Situation konnten wir uns nicht real treffen. Jede Kitaleitung und Fachberaterin bekam vor Beginn der Onlinefortbildung ein Päckchen nachhause geschickt. Darin war ein schöööönes Schreibheft, was als Ich-als-Kind-Buch genutzt werden kann. Denn während des Veränderungsprozesses wird es immer wieder wichtig sein, sich an positive Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zu erinnern. Die sollen dann in dem Heft festgehalten werden.

Und nach einer kleinen gedanklichen Reise zurück in Kindheit konnte dann jede in ihrem Homeoffice das Päckchen auspacken. “Oh schööön", das war wie Weihnachten, so tolle Sachen, waren da drin!” haben mir die Teilnehmer zurückgemeldet. Und dann hatten sie Zeit, ihre Erinnerungen an eine tollen Spielsituation, eine bei der sie noch heute glänzende Augen bekommen, wenn sie davon erzählen, in einem Schuhkarton zu gestalten.

Als die Kindheitsszenen gestaltet waren, zeigten sich alle virtuell in kleinen Gruppen ihre Spielszenen der Kindheit und erzählten ihre Geschichte dazu. Hier sind zwei Beispiele:


Geschichte 1

Meine Oma nur für mich

Oma war für mich da, auch wenn sie viel zu tun hatte.

Bei ihr gab es eine Kiste mit ganz vielen (hunderten) Knöpfen nach Farben etc. sortiert.

Zu den Knöpfen gab es Geschichten zu den entsprechenden Kleidungsstücken und Personen.

Ich habe mir selbst eine ähnliche Knopfkiste gekauft und sammle dafür Knöpfe, um meinen Enkelkindern, wenn ich mal welche habe, evtl. selbst Geschichten erzählen zu können.

 

Geschichte 2

Ich bin Groß

Ich habe bei einer Freundin gespielt und wir durften die Klackerschuhe (Schuhe mit hohen Absätzen) tragen. Ich höre heute noch das Klackern der Schuhe, auch wenn ich sie heute nicht mehr trage.

Dazu durften wir uns mit einem Schleier hübsch machen (alte Gardine) und Handtaschen der Mutter nutzen.

Ich habe mich dadurch groß gefühlt.

In der Kita hat eine Mitarbeiterin sich Klackerschuhe für den Rollenspielraum durch Eltern sich spenden.


Resümee

Solche Erfahrungen wie die, von denen erzählt wurde, sollen auch die Kinder in ihren Kitas machen können:

  • Draußen spielen, wenn man möchte (nicht um 12 Uhr mit allen anderen Kindern “ausgelüftet” werden).

  • Von Erwachsenen unkontrolliert und unbeaufsichtigt spielen können.

  • Selbstvergessen spielen können.

  • Die Zeit beim Spiel vergessen und eintauchen.

  • In kleinen Gruppen von Kindern spielen können.

  • Erwachsene stehen zur Verfügung - wenn man sie braucht.

  • Sachensucher sein können.

  • Mit nicht vorgefertigtem Spielzeug und Naturmaterialien spielen.

  • Und stromern dürfen. Ziellos unterwegs sein, einen großen Bewegungsradius haben und dort bleiben, wo mich andere Kinder, ein Ort oder ein (Spiel-)material anziehen.

Dafür schafft die Werkstattpädagogik einen Rahmen in der Kita. Wie das konkret geht und wie Sie ihr Team begeistern und mit einbeziehen, können Sie hier erfahren.

Ansonsten schauen Sie gerne auf unseren Youtube-Kanal. Besuchen Sie uns in unserer Waterkant Werkstattpädagogik Gruppe bei Facebook. Da findet ihr inzwischen über 1000 Kolleginnen, die sich über ihre Erfahrungen mit der Werkstattpädagogik austauschen. Oder schauen Sie bei Instagram rein, auch dort erhalten Sie einen Einblick in unsere Arbeit.

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